Seit Monaten hat dein Hund immer wieder breiigen bis wässrigen Kot, oft ein paar Stunden nach dem Fressen, manchmal muss er nachts dringend raus. Du hast das Fett im Futter reduziert, und tatsächlich wurde es etwas besser, aber eben nur etwas. Ein Stück Hähnchenhaut, ein paar Tropfen Lachsöl oder ein etwas fetteres Stück Fleisch, und schon geht es wieder los. Irgendwann lässt du eine Kotuntersuchung machen, und im Befund steht bei den Gesamtgallensäuren ein deutlich erhöhter Wert. Daneben ein Hinweis, mit dem du wenig anfangen kannst.
Dieser Wert taucht in vielen Befunden auf, die mir Halter:innen zeigen, und fast immer kommt dieselbe Frage: Was bedeutet das eigentlich? Hat mein Hund ein Problem mit der Galle? Mit der Leber? Verträgt er doch kein Fett?
In diesem Artikel erkläre ich dir, was Gallensäuren sind, warum der Körper sie in einem Kreislauf immer wieder verwendet und was passiert, wenn dieser Kreislauf an einer Stelle nicht mehr funktioniert. Du wirst sehen, dass ein erhöhter Gallensäurenwert im Kot weniger über die Galle aussagt als über einen ganz bestimmten Abschnitt des Dünndarms, und dass genau das erklärt, warum Fett reduzieren allein oft nicht reicht.
1. Was Gallensäuren sind und wofür dein Hund sie braucht
Gebildet in der Leber, gesammelt in der Gallenblase
Gallensäuren werden in der Leber gebildet, und zwar aus Cholesterin. Die Leber verbindet sie anschließend mit einem weiteren Stoff, damit sie gut wasserlöslich werden. Beim Menschen ist das meist die Aminosäure Glycin, beim Hund fast ausschließlich Taurin. Diese fertigen Gallensäuren gibt die Leber in die Galle ab, und die Galle wird in der Gallenblase gesammelt und eingedickt.
Die Gallenblase gibt ihren Inhalt nicht ständig ab, sondern dann, wenn er gebraucht wird. Sobald Nahrungsbrei mit Fett aus dem Magen im ersten Abschnitt des Dünndarms ankommt, bildet die Darmschleimhaut einen Botenstoff, der der Gallenblase das Signal gibt, sich zusammenzuziehen. Die Galle fließt dann in den Dünndarm, genau dorthin, wo das Fett verdaut werden soll.
Ohne Gallensäuren keine Fettverdauung
Fett und Wasser mischen sich nicht, das kennst du aus der Küche. Im Darm ist das ein Problem, denn die Verdauungsenzyme der Bauchspeicheldrüse arbeiten im wässrigen Darminhalt. Große Fetttropfen bieten ihnen kaum Angriffsfläche.
Hier kommen die Gallensäuren ins Spiel. Sie haben eine Seite, die sich an Fett bindet, und eine Seite, die sich an Wasser bindet. Damit zerteilen sie große Fetttropfen in viele sehr kleine, ähnlich wie Spülmittel das Fett in der Pfanne löst. Erst an diesen kleinen Tröpfchen können die Enzyme der Bauchspeicheldrüse richtig arbeiten. Und auch danach werden die Gallensäuren noch gebraucht: Sie verpacken die gespaltenen Fettbausteine in winzige Transportkügelchen, die die Darmschleimhaut aufnehmen kann.
Auf demselben Weg gelangen die fettlöslichen Vitamine A, D, E und K in den Körper. Ohne ausreichend Gallensäuren werden also nicht nur Fette schlechter aufgenommen, sondern auch diese Vitamine.
2. Ein Kreislauf, kein Einwegsystem
Der Körper verwendet seine Gallensäuren immer wieder
Wenn die Gallensäuren ihre Arbeit im Dünndarm getan haben, werden sie nicht einfach ausgeschieden. Das wäre für den Körper viel zu aufwendig, denn die Leber müsste ständig große Mengen neu herstellen. Stattdessen werden die Gallensäuren im letzten Abschnitt des Dünndarms, dem sogenannten Ileum, zum größten Teil wieder aufgenommen. Über das Blut gelangen sie zurück zur Leber, die sie erneut in die Galle abgibt.
Dieser Weg vom Darm zur Leber und wieder zurück in den Darm heißt enterohepatischer Kreislauf. Der Name setzt sich aus „entero“ für Darm und „hepatisch“ für die Leber zusammen. Ein und dieselbe Gallensäure macht diesen Weg viele Male, und der Körper kommt so mit einem vergleichsweise kleinen Vorrat aus.
Nur ein kleiner Teil geht verloren
Ein kleiner Teil der Gallensäuren entgeht der Wiederaufnahme immer und wandert weiter in den Dickdarm. Das ist normal. Dort werden diese Gallensäuren von bestimmten Darmbakterien umgebaut und schließlich mit dem Kot ausgeschieden. Die Leber stellt diese kleine Menge jeden Tag neu her, sodass der Vorrat insgesamt gleich bleibt.
Wichtig für das Verständnis ist die Lage: Die Wiederaufnahme passiert fast ausschließlich im Ileum, also ganz am Ende des Dünndarms. Dort sitzen spezielle Transportstellen in der Schleimhaut, die genau auf Gallensäuren ausgelegt sind. Wenn dieser Darmabschnitt nicht richtig arbeitet, gibt es keinen anderen, der seine Aufgabe übernehmen kann.
Interessant ist übrigens, dass im selben Darmabschnitt auch Vitamin B12 aufgenommen wird. Wer sich schon einmal mit niedrigen B12-Werten beim Hund beschäftigt hat, begegnet dem Ileum also nicht zum ersten Mal.
3. Wenn die Wiederaufnahme nicht funktioniert
Ein erhöhter Gallensäurenwert im Kot bedeutet zuerst einmal eines: Es kommen mehr Gallensäuren im Dickdarm an, als dort ankommen sollten. Die Wiederaufnahme im Ileum funktioniert nicht so, wie sie sollte. Man spricht dann von einem Gallensäurenverlust. Dafür gibt es verschiedene Ursachen, die auch gemeinsam vorkommen können.
Eine entzündete Schleimhaut im hinteren Dünndarm
Die Transportstellen für die Gallensäuren sitzen in der Schleimhaut des Ileums. Ist diese Schleimhaut entzündet oder geschädigt, arbeiten sie schlechter, und ein größerer Teil der Gallensäuren rutscht durch. Das ist bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen häufig der Fall, kann aber auch nach einer längeren Reizung des Darms auftreten, ohne dass eine klare Erkrankung diagnostiziert wurde.
Eine zu schnelle Darmpassage
Die Wiederaufnahme braucht Zeit. Wenn der Darminhalt zu schnell durch den Dünndarm wandert, bleibt den Transportstellen nicht genug Zeit, um die Gallensäuren aufzunehmen. Eine solche beschleunigte Passage kann durch Stress entstehen, durch eine gereizte Darmmuskulatur oder durch andere Darmprobleme, die den Transport antreiben.
Zu viele Bakterien im Dünndarm
Im Dünndarm leben normalerweise vergleichsweise wenige Bakterien. Kommt es dort zu einer Fehlbesiedlung, verändern die Bakterien die Gallensäuren schon im Dünndarm, bevor sie das Ileum erreichen. Sie lösen dabei unter anderem die Verbindung zum Taurin. Solche veränderten Gallensäuren werden schlechter wieder aufgenommen und reizen die Schleimhaut zusätzlich. Wie eine solche Fehlbesiedlung entsteht, habe ich im Artikel über SIBO beim Hund beschrieben.
Was du dabei im Hinterkopf behalten musst: Ein erhöhter Gallensäurenwert sagt dir, dass die Wiederaufnahme nicht funktioniert. Welche dieser Ursachen dahintersteckt, sagt er dir nicht. Dafür braucht es den Blick auf die übrigen Befundwerte, die Symptome und die Vorgeschichte des Hundes.
4. Was Gallensäuren im Dickdarm anrichten
Gallensäuren ziehen Wasser in den Darm
Im Dünndarm sind Gallensäuren unverzichtbare Helfer. Im Dickdarm sind sie in größerer Menge dagegen ein Reizstoff. Sie regen die Schleimhaut des Dickdarms dazu an, Salze und Wasser in den Darm abzugeben, statt sie aufzunehmen. Normalerweise ist der Dickdarm genau dafür zuständig, dem Kot Wasser zu entziehen. Kommen dort zu viele Gallensäuren an, kehrt sich das um, und der Kot wird breiig bis wässrig.
Gleichzeitig regen die Gallensäuren die Darmbewegung an. Der Kot wird schneller weitertransportiert, und dein Hund hat häufig einen starken Drang, muss plötzlich raus oder setzt mehrmals hintereinander Kot ab. Diese Form des Durchfalls wird als gallensäurebedingter Durchfall bezeichnet.
Eine gereizte Schleimhaut bildet Schleim
Wenn die Schleimhaut des Dickdarms über längere Zeit mit zu vielen Gallensäuren in Kontakt kommt, reagiert sie wie bei jeder anderen Reizung: Sie bildet mehr Schleim als Schutzfilm. Deshalb kann ein Gallensäurenverlust auch hinter Schleim im Kot stecken, ein Zusammenhang, an den bei Schleim kaum jemand denkt. Wie der Dickdarm auf Reizungen reagiert, habe ich im Artikel über Schleim im Kot ausführlicher beschrieben.
Auch die Darmbakterien sind beteiligt
Ein Teil der Gallensäuren, die im Dickdarm ankommen, wird dort von bestimmten Darmbakterien umgebaut. Wenn die Darmflora verschoben ist, funktioniert dieser Umbau schlechter. Dann bleiben mehr Gallensäuren in ihrer ursprünglichen Form, und die reizen die Schleimhaut stärker. Ein Gallensäurenverlust und eine verschobene Darmflora können sich so gegenseitig verstärken, und das erklärt, warum es bei manchen Hunden nicht reicht, nur an einer Stelle anzusetzen.
5. Wenn der Vorrat nicht mehr reicht
Die Leber muss nachproduzieren
Gehen mehr Gallensäuren verloren als normal, muss die Leber mehr nachproduzieren, um den Vorrat aufzufüllen. Das kann sie eine Zeit lang auch tun, und solange sie den Verlust ausgleicht, steht für die Fettverdauung genug zur Verfügung. In dieser Phase zeigt sich der Gallensäurenverlust vor allem durch den gereizten Dickdarm und den wässrigen Kot.
Wenn der Verlust anhält
Besteht der Verlust über längere Zeit, kann der Vorrat irgendwann nicht mehr ausreichen. Dann stehen im Dünndarm weniger Gallensäuren zur Verfügung, als für die Fettverdauung gebraucht werden. Das Fett wird schlechter zerteilt und schlechter aufgenommen und gelangt zum Teil unverdaut in den Dickdarm. Der Kot kann dann schmierig oder fettig glänzend werden, und auch die fettlöslichen Vitamine werden schlechter aufgenommen.
Damit verschiebt sich das Bild. Was mit einem gereizten Dickdarm begann, wird zu einem Problem mit der Fettverdauung, und dann sieht es tatsächlich so aus, als würde der Hund kein Fett vertragen. Die Ursache liegt aber nicht beim Fett, sondern am Ende des Dünndarms, wo die Gallensäuren verloren gehen. Wie eng Fettverdauung und Darmgesundheit zusammenhängen, habe ich im Artikel über Fettunverträglichkeit beim Hund erklärt.
6. Woran du einen Gallensäurenverlust erkennen kannst
Das Bild im Alltag
Ein Gallensäurenverlust hat kein Symptom, das nur bei ihm vorkommt. Es gibt aber ein Muster, das aufhorchen lassen sollte. Typisch ist breiiger bis wässriger Kot, häufig mit starkem Drang und manchmal mit mehreren Kotabsätzen hintereinander. Der Kot kann auffällig gelblich oder grünlich gefärbt sein. Häufig verschlechtert sich das Bild nach etwas fettreicheren Mahlzeiten, weil dann mehr Galle in den Darm abgegeben wird und entsprechend mehr Gallensäuren verloren gehen. Und Fett zu reduzieren, bringt eine Besserung, aber keine dauerhafte Ruhe.
Bei manchen Hunden kommt Schleim dazu, bei anderen eher ein schmieriger, fettig wirkender Kot, wenn der Verlust schon länger besteht. Das alles kann aber auch andere Ursachen haben. Deshalb ist dieses Muster ein Hinweis, keine Diagnose.
Was der Befund zeigt
Sicherer wird es mit einer Kotuntersuchung, bei der die Gesamtgallensäuren im Kot gemessen werden. Dieser Wert zeigt, wie viele Gallensäuren tatsächlich ausgeschieden werden. Ist er erhöht, steht fest, dass die Wiederaufnahme nicht so funktioniert, wie sie sollte. Den Referenzwert findest du direkt auf deinem Befund, denn er kann sich von Labor zu Labor unterscheiden.
Was der Wert allein nicht sagt, ist, warum die Wiederaufnahme nicht funktioniert und wie man das gezielt behandelt. Ob eine Entzündung im Dünndarm dahintersteckt, eine Fehlbesiedlung oder eine zu schnelle Passage, lässt sich erst zusammen mit den übrigen Befundwerten und den Symptomen einordnen. Warum eine Kotuntersuchung immer im Gesamtbild gelesen werden muss, habe ich im Artikel über die Kotuntersuchung beim Hund erklärt.
7. Warum Fett reduzieren allein nicht reicht
Entlastung ist sinnvoll
Wenn dein Hund auf Fett mit wässrigem Kot reagiert, ist es sinnvoll, das Fett vorübergehend zu reduzieren. Weniger Fett bedeutet, dass die Gallenblase weniger Galle abgibt, dass weniger Gallensäuren im Dickdarm ankommen und dass der Dickdarm zur Ruhe kommen kann. Auch die Verteilung hilft: Mehrere kleinere Mahlzeiten belasten das System weniger als eine große. Das ist eine echte Entlastung, und viele Hunde reagieren darauf spürbar.
Die Ursache sitzt im Dünndarm
Was die Fettreduktion nicht leistet, ist, das eigentliche Problem zu lösen. Solange die Schleimhaut im Ileum entzündet ist, solange zu viele Bakterien im Dünndarm leben oder solange die Passage zu schnell ist, gehen weiter Gallensäuren verloren, nur eben etwas weniger. Und eine dauerhaft sehr fettarme Fütterung hat ihre eigenen Nachteile, denn Fett ist für den Hund ein wichtiger Energielieferant und wird für die Aufnahme der fettlöslichen Vitamine gebraucht.
Deshalb ist der Weg bei einem Gallensäurenverlust immer derselbe: entlasten, wo es nötig ist, und gleichzeitig herausfinden, warum die Wiederaufnahme nicht funktioniert. Erst wenn die Ursache im Dünndarm behandelt ist, kann der Kreislauf wieder geschlossen werden, und dann verträgt der Hund in den meisten Fällen auch wieder eine normale Fettmenge.
Der empfindliche Hund
Bei Hunden mit einem ohnehin empfindlichen Verdauungssystem kommt etwas dazu. Ein gereizter Dickdarm, eine verschobene Darmflora und ein Gallensäurenverlust halten sich oft gegenseitig am Laufen. Deshalb reicht es bei diesen Hunden selten, an nur einer Stelle anzusetzen. Wer nur das Fett reduziert, entlastet den Dickdarm, aber nicht den Dünndarm. Wer nur die Darmflora unterstützt, ändert nichts an der Wiederaufnahme. Das erklärt, warum viele dieser Hunde eine Weile stabil sind und dann wieder Rückschläge haben.
Fazit
Gallensäuren sind für die Fettverdauung unverzichtbar, und der Körper verwendet sie in einem Kreislauf immer wieder. Die entscheidende Stelle in diesem Kreislauf ist der letzte Abschnitt des Dünndarms, wo die Gallensäuren wieder aufgenommen werden. Funktioniert die Wiederaufnahme dort nicht, gelangen zu viele Gallensäuren in den Dickdarm, ziehen Wasser in den Darm und reizen die Schleimhaut. Hält der Verlust an, leidet irgendwann auch die Fettverdauung.
Ein erhöhter Gallensäurenwert im Befund ist deshalb kein Hinweis darauf, dass mit der Galle etwas nicht stimmt, sondern darauf, dass im Dünndarm etwas nicht stimmt. Fett zu reduzieren entlastet, löst das Problem aber nicht. Dafür muss geklärt werden, warum die Gallensäuren nicht zurückkommen.
Hattest du den Gallensäurenwert schon einmal im Befund deines Hundes? Wie bist du damit umgegangen, und was hat geholfen? Schreib mir deine Erfahrungen gern in die Kommentare.
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Befunde selbst einordnen lernen
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